Skip to main content

Die Natur als wichtigste Kollegin

Ärzt:innen, Pflegekräfte und alle im Gesundheitswesen kümmern sich Tag für Tag um Patient:innen, begleiten sie durch Krankheiten und leisten unter großem Druck Enormes für unsere Gesellschaft. Dafür verdienen sie Anerkennung und Unterstützung. Doch: Gesundheit beginnt nicht mit Tabletten, einer Operation oder einem MRT. Gesundheit beginnt viel früher: mit der Luft, die wir atmen, dem Wasser zum Trinken, Pflanzen zum Essen, erträglichen Temperaturen und einem friedlichen Miteinander. Alle fünf Lebensgrundlagen sind in Gefahr.

Deswegen gilt: Klimaschutz ist Gesundheitsschutz. Genauso gilt: Ohne Artenvielfalt gelingt kein wirksamer Klimaschutz. Beide Krisen hängen zusammen und müssen gemeinsam angegangen werden.

Für das Gesundheitswesen ist das eine Chance. Denn Artenreichtum ist nicht nur ein Naturschutzthema. Es ist ein Gesundheitsthema!

Prävention: Artenreichtum verhindert Krankheiten

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die führende Todesursache in Deutschland (1), Adipositas und daraus entstehende Krankheiten verursachen in Deutschland jährlich Gesamtkosten in Höhe von 63 Milliarden Euro (2) und psychische Erkrankungen nehmen in Deutschland seit Jahren zu (3). Keine guten Zahlen für ein ohnehin überlastetes Gesundheitssystem.

Doch Artenreichtum kann dazu beitragen, diesen Entwicklungen entgegenzuwirken: Studien zeigen, dass Menschen, die sich regelmäßig in einer artenreichen Umgebung bewegen, seltener krank (4) und übergewichtig (5) sind. Für die Niederlande konnte sogar berechnet werden, dass jeder zusätzlich begrünte Hektar rechnerisch zu ca. 8,6 Patient:innen weniger pro Jahr führen würde (6)!

Die Corona-Pandemie hat gezeigt, was der Verlust von Artenreichtum im schlimmsten Fall bedeuten kann. Zoonosen werden häufiger (7) und können das Gesundheitssystem an seine Grenzen bringen. Während das Gesundheitswesen Krankheiten behandelt, kann Artenreichtum also dabei helfen, dass viele Krankheiten gar nicht erst entstehen.

So auch bei psychischen Erkrankungen. Artenreichtum allein kann diese Entwicklung weder verhindern noch psychische Erkrankungen heilen. Die Forschung zeigt jedoch immer deutlicher: Eine artenreiche Natur kann auch einen wichtigen Beitrag zur mentalen Gesundheit leisten. Bereits 20 Minuten im Wald senken nachweislich den Cortisol-Spiegel und verbessern die Stimmung (8). Zusätzlich wiesen Menschen mit mehr Naturkontakt eine geringere Prävalenz von Einsamkeit auf (9). Auch abseits des Waldes gilt: Menschen in artenreichen Umgebungen empfinden mehr Sinnhaftigkeit und Lebenszufriedenheit (10).

Kuration: Artenreichtum heilt

Wenn wir krank werden, vertrauen wir auf Medikamente – eine der größten Errungenschaften der modernen Medizin. Doch viele vergessen: Mehr als 50 % aller Medikamente basieren ursprünglich auf Wirkstoffen aus Pflanzen, Pilzen und Mikroorganismen (11), etwa Aspirin (12), Morphin (13), Paclitaxel (ein wichtiges Mittel gegen Krebs) (14). Die Natur ist damit die größte Apotheke der Welt und gleichzeitig eine der wichtigsten Forschungsabteilungen der Medizin – wenn wir sie lassen. Doch Forscher:innen schätzen, dass mindestens alle 2 Jahre ein unentdeckter Wirkstoff verloren geht (15). Wer Artenreichtum schützt, schützt deswegen auch die Grundlage der Medizin von morgen.

Ein kritischer Blick auf das Gesundheitssystem selbst gehört ebenso dazu: So unverzichtbar Arzneimittel für unsere Gesundheit sind, belasten ihre Herstellung und ihr Verbrauch Natur und Artenreichtum. Die Pharmaindustrie verursacht inzwischen einen höheren CO₂-Ausstoß als die Automobilindustrie (16). Hinzu kommen Arzneimittelrückstände, die über Abwasser in Flüsse und Seen gelangen und dort Tiere, Mikroorganismen und sogar ganze Ökosysteme beeinträchtigen können (17).

Rehabilitation: Artenreichtum heilt schneller

Nicht jede Maßnahme muss teuer und kompliziert sein. Naturnahe Außenbereiche, begrünte Innenhöfe, die Entsiegelung von kleinen Flächen oder Zimmerpflanzen machen einen Unterschied: So zeigen Studien, dass die Hospitalisierungsrate von Patient:innen sich verkürzte (von 8,7 Tagen auf 7,96 Tage), ihre Pflegeberichte positiver ausfielen und sie schwächere Schmerzmittel benötigten, wenn sie aus dem Fenster auf Bäume guckten (12).

International gewinnt der Ansatz des sogenannten „Green Social Prescribing“ (GSP) oder „Natur auf Rezept“ immer mehr an Bedeutung. Dabei verschreiben Ärzt:innen gezielt Naturaufenthalte als Ergänzung zu klassischen Therapien – beispielsweise Spaziergänge, Gemeinschaftsgärten, Naturschutzprojekte oder Aktivitäten am Wasser. Großbritannien gilt hierbei als Vorreiter in Europa und fördert GSP seit 2021 landesweit. Erste Auswertungen zeigen vielversprechende Ergebnisse: Das Angstniveau der Teilnehmenden sank deutlich, während ihre Lebenszufriedenheit im Durchschnitt von 4,7 auf 6,8 Punkte anstieg (18). Weitere Studien zeigen, dass naturbasierte Gesundheitsprogramme den Medikamentenverbrauch – insbesondere bei Atemwegserkrankungen oder chronischen Schmerzen – verringern können und sich strukturierte Naturaufenthalte bei Diabetes, Adipositas, Bluthochdruck, Depressionen, Asthma und Autoimmunerkrankungen als wirksam erweisen (19). All das verringert die Belastung des Gesundheitssystems (20). Zusätzlich lohnt sich der gesundheitsökonomische Blick auf die Leistungen der Natur: Für jeden investierten Euro in eine präventive GSP entsteht ein gesellschaftlicher Gegenwert von etwa 4,9 bis 9,3 Pfund (entspricht derzeit etwa 5,7 bis 10,8 Euro (16).

Wie Sie Teil der Lösung sein können:

Das Gesundheitswesen leidet unter dem Verlust von Artenreichtum und Klimakrise und ist gleichzeitig Verursacher: Rund 6 % der deutschen Treibhausgasemissionen entstehen im Gesundheitswesen (21), hinzu kommen Einwegmaterialien, Arzneimittelrückstände, Flächenversiegelung etc. Viele Maßnahmen, die Artenreichtum fördern, schützen gleichzeitig das Klima – und umgekehrt. Gerade deshalb kommt dem Gesundheitswesen eine besondere Rolle zu. Kaum ein anderer Bereich ist gleichermaßen Leidtragender, Verursacher und Teil der Lösung: Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen verfügen über weiträumige Flächen, Ärzt:innen beraten täglich Millionen Menschen zu gesundheitsförderlichem Verhalten, die Pharmaindustrie ist auf biologische Ressourcen angewiesen, Krankenkassen investieren in Prävention und Gesundheitsorganisationen prägen politische Debatten.

Das Gesundheitswesen hat bereits gezeigt, was möglich ist: Klimaschutz ist heute in vielen Einrichtungen und Organisationen selbstverständlich Teil von Gesundheitsschutz. Daran können wir anknüpfen – Artenreichtum muss der nächste Baustein werden. Wenn Ärzt:innen, Pflegekräfte, Kliniken und Krankenkassen Artenreichtum als Gesundheitsthema benennen und fördern, entlasten sie das Gesundheitssystem und verbessern zugleich die Gesundheit der Bevölkerung.

1. Artenreichtum als Gesundheitsdeterminante sichtbar machen

Als eine der vertrauenswürdigsten Berufsgruppen (22) kommt den derzeit ca. 6,2 Millionen arbeitenden Menschen im deutschen Gesundheitswesen (23) eine Schlüsselrolle zu: Nutzen Sie Ihre Glaubwürdigkeit und sprechen Sie über die spannenden Zusammenhänge von Artenreichtum und Gesundheit mit Ihren Patient:innen, Kunden:innen, Kolleg:innen, auf Fachtagungen, gegenüber Trägern, Kommunen oder politischen Entscheidungsträger:innen um deutlich zu machen, dass Artenreichtum nicht nur ein Umweltanliegen ist, sondern eine Investition in die Gesundheit der Bevölkerung und Deutschland deswegen unbedingt seine Versprechen einhalten muss. Dadurch bleiben Sie kein Einzelner und können gemeinsam mit uns und all ihren Kolleg:innen die öffentliche Wahrnehmung positiv verändern!

2. Artenreichtum fördern

Gesundheitseinrichtungen können dort, wo es möglich ist, selbst zum Schutz von Artenreichtum beitragen und positive Beispiele sichtbar machen: Entsiegeln Sie z.B. eine kleine Fläche – Studien zeigen, dass bereits 2 m2 Wirkung zeigen (24). Oder stellen Sie Pflanzen in Ihrer Praxis auf. Bieten Sie für Ihre Patient:innen im Krankenhaus und Reha ein leckeres, pflanzenbasiertes Gericht an. Wenn Sie die Möglichkeit haben, begrünen Sie das Dach oder die Fassade. Für viele dieser Beispiele lassen sich auch Förderungen beantragen. Wenn Sie über keine Fläche verfügen, können Sie auch an Organisationen spenden, die Artenreichtum wirksam schützen. Jeder Beitrag hilft!